unter Müllmenschen

Es war einmal eine Baugrube. Sie hatte im Herbst letzten Jahres ihren Platz zwischen der Friedrichwerderschen Kirche und der Attrappe der Bauakademie im Herzen Berlins gefunden.  Eigentlich sollte sie quasi das Bett neuer Luxuswohnungen werden, dann aber ließ man sie in einen Dornröschenschlaf fallen. Sie soll ein Schädling zu sein.  Einer, der den Nachbargebäuden nicht gut tut, ihnen Risse zufügt und Fundamente ins Wanken bringt. Alles, was eine Baugrube nicht gerne über sich sagen lässt. Verformungsarm soll sie nun sein, sagen die Baumenschen. Ein Frühwarnsystem soll sie tragen, sagen sie auch. Nun ja. Die Baugrube ärgert sich ein wenig. Auch, das man sie Problem-Baugrube schimpft. Das klingt nach Problem-Bär oder Problem-BER. Eigentlich nämlich möchte sie nur so schnell wie möglich verfüllt werden, künftig Tiefgarage sein und mit ihren Nachbarn in Frieden leben.

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Mitte  der vergangenen Woche jedoch begann sich plötzlich neues Leben um sie zu regen. Menschen und Maschinen rückten an. Geschäftig wurde gewuselt. Dreihundert, zugegeben etwas suspekte Typen zogen ins zweite Untergeschoss. Untermieter sozusagen. Leider nur temporär, die man munkelte.

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Aber es sind angenehme Zeitgenossen. Weit gereist sollen sie sein. Sie waren u.a. schon auf der Großen Mauer in China, sie standen auf dem Roten Platz in Moskau und neben den Pyramiden von Gizeh. Zermatt, Barcelona, Paris, Antarktis – mal hier, mal da. Die Zugezogenen sind kinderlos und ruhig, machen keinen Dreck und Ärger, bekommen aber jede Menge Besuch. Die Baugrube freut sich darüber, denn es war ihr zuvor eindeutig zu ruhig gewesen. Langweilig fast.

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Und nun? Nun kommen viele Neugierige und gucken über den Rand der Baugrube. Das Gewirr der Stimmen ist international. Kameras aller Formate und Fabrikate werden gezückt. Die Baugrube fühlt sich an diesem Wochenende berühmt und wie ein Superstar.

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Am Sonntag jedoch passiert etwas Ungewöhnliches. Bisher hatten Besucher und zufällig Vorbeigekommene nur brav hinter dem Bauzaun gestanden. Manchen davon hat die Baugrube jedoch schimpfen hören, weil die Absperrung tollen Fotoaufnahmen und Porträtperspektiven im Wege war. Sie fanden doof, dass man den Untermietern nicht auf die rostige Pelle rücken konnte.

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Dann aber öffnete jemand den Bauzaun. Ein Stückchen nur. Und ziviler Ungehorsam breitete sich aus. Zögernd zwar, schuldbewusst auch, aber immerhin. Die Baugrube jauchzte. Endlich kamen die Besucher ihr nahe. Auf Augenhöhe sozusagen. Nicht so von oben herab. Dem stabilen Gerüsttreppenturm sei dank. Ach, sie genoss das. Da wurde nach Herzenslust fotografiert, da wurde gefachsimpelt, da wurden Informationen und Meiningen ausgetauscht. Man kam ins Gespräch. Genau so, wie sich die Baugrube so etwas gewünscht hätte. Interaktiv. Friedlich. Besitzergreifend.

Nur so nämlich konnten die Interessierten die stummen Mietnomaden wirklich detailliert kennenlernen, ihre Eigenheiten entdecken und den Körperschmuck bewundern. Und sich eigene Gedanken machen, was es mit diesen Wesen, die man Trash People, Müllmenschen nennt, wohl so auf sich hat.

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Frau Tonari gehört zu denjenigen Besuchern, die illegalerweise den faszinierenden Wesen die Hand geben. Zu gerne wäre sie noch länger geblieben und hätte sich an den Details gefreut. Leider jedoch ertönt vom Rand der Baugrube ein drohende Stimme, die alle Besucher sofort herausbeordert.  Verständlich und dann auch irgendwie wieder nicht.  Also hieß es, von den mannshohen Müllmenschen schweren Herzens wieder Abschied zu nehmen.

Und auch die Baugrube jammert diesem kleinen, spontanen Flashmob hinterher.  Keine 24 Stunden später nämlich sind die Untermieter wieder aus und weiter gezogen.  Einsam bleibt sie zurück…

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*Der Aktionskünstler HA Schult präsentierte vom 05. bis 07.August 2016  seine aus Abfall figurierten Müllmenschen in Berlins Mitte. Die „Trash People“ symbolisieren die Unterdrückten und Ausgebeuteten dieser Welt und sind zudem ein mahnender Fingerzeig auf unseren sorglos bis verschwenderischen Umgang mit Ressourcen, die zu Müll und Abfall werden.  In meinen Augen passt der Termin der Ausstellung wunderbar zum Earth Overshoot Day, den Weltüberlastungstag, der 2016 am 08.08. begangen wurde.

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14 Antworten zu unter Müllmenschen

  1. franhunne4u schreibt:

    Schöner Beitrag, schöne Aktion der ungehorsamen Zivilisten, schöne Figuren … und alles friedlich!

    Gefällt 2 Personen

  2. quizzymuc schreibt:

    Toll geschrieben und wie immer super fotografiert! 👍 Schade, dass ich die Trash People letzten Winter verschlafen hab, als sie in München zu Besuch waren. Vielleicht begegne ich ihnen ja auf ihrer Reise durch die Welt an einem anderen Ort, schaumermal 🤔
    Herzliche Grüße
    Renate

    Gefällt 1 Person

  3. Gedankenkruemel schreibt:

    Ganz toll ge/beschrieben..
    Ich hatte schon ein wenig gesehen was du in Fb gepostet hattest..

    Aber diese Fotos hier sind Spitze…Das muss ein spannendes Erlebniss gewesen sein.

    Zitat:

    „Die „Trash People“ symbolisieren die Unterdrückten und Ausgebeuteten dieser Welt und sind zudem ein mahnender Fingerzeig auf unseren sorglos bis verschwenderischen Umgang mit Ressourcen, die zu Müll und Abfall werden. In meinen Augen passt der Termin der Ausstellung wunderbar zum Earth Overshoot Day, den Weltüberlastungstag, der 2016 am 08.08. begangen wurde.“ (Ende Zitat)

    So ist es..und ich stimme dir zu, es passte sehr gut zum Earth Overshoot Day…
    LG Elke

    Gefällt 1 Person

  4. Anna-Lena schreibt:

    Wie klasse ist das denn??!! Schade, die hätte ich gern live und in Farbe gesehen.
    Ich hoffe, die Menschen, die das gesehen haben, machen sich wenigstens ihre Gedanken zum Weltüberlastungstag.

    Gefällt 1 Person

  5. monisertel schreibt:

    Super, liebe Tonari,
    ich hatte auch schon etwas auf FB gesehen, aber dieser Beitrag ist ganz toll. Herrlich geschrieben und die ganze Aktion ging ja offenbar so schnell vorüber, da war es gut, dass Du die Gelegenheit sofort genutzt hast und Deine Klasse Fotos machen konntest.
    Liebe Grüße
    moni

    Gefällt 1 Person

  6. minibares schreibt:

    Da hat HA Schult aber viele Trash-Menschen gebaut.
    Ein spannender Bericht

    Gefällt 1 Person

  7. Patricia schreibt:

    Toller Bericht, das hätte ich auch gerne miterlebt !

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  8. ute42 schreibt:

    Wirklich gut geschrieben. Schade, dass du dich nicht noch länger bei den Müllmenschen aufhalten durftest. Die Details sind sicher auch sehr interessant.

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  9. Seelenstreusel schreibt:

    Eine tolle Sache und tolle Fotos, die du da mitgebracht hast. Ein bisschen unheimlich finde ich diese „Armee“ ja schon … aber bei Tageslicht sind sie nicht so furchteinflößend. :o)

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  10. Ingrid, die Bastelmaus schreibt:

    Da hast Du eine wunderbare Geschichte geschrieben, liebe Frau Tonari!
    Und wunderbar, dass Du zu den „Ungehorsamen“ zähltest, denn nur so von ganz oben hätte man ja kaum etwas erkennen können. Dem Künstler wäre es gewiss auch lieber gewesen, wenn die Interessierten ganz offiziell seine Müllmänner von Angesicht zu Angesicht hätten betrachten können, oder?
    LG Ingrid

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  11. steinegarten schreibt:

    Ich habe von der Aktion gelesen – schön das du sie hier etwas spannender präsentierst … würde ich auch gerne genauer in Augenschein nehmen ;-)

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  12. Agnes schreibt:

    Die „Trash People“, auch Müllarmee genannt, sind toll.
    Schön hast Du berichtet, schade, dass es bei Euch nicht erlaubt war den Müllmenschen zu nah zu kommen. Aber immerhin hast Du es mal kurz geschafft.

    Die waren 2011 hier in Telgte auf den Emswiesen aufgestellt. Wir konnten allerdings hautnah an die Gestalten heran, was für Nahaufnahmen sehr schön war, aber für eine Totale wieder nicht, weil immer Menschen zwischen den Trash Poeple herumliefen.
    Nicht jeder mag sie, und ob es Kunst ist muß halt jeder für sich entscheiden, ich habe sie mir gerne angesehen.

    http://www.agnes-welt.de/juvare/?p=6987

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  13. Fernwehheilen schreibt:

    Schade, dass ich das verpasst habe – wir sind erst nächste Woche in Berlin! Aber du hast die Armee toll eingefangen – ja, irgendwie erinnern sie ja an die Terracotta Krieger …
    Und so von oben wirken sie irgendwie noch beeindruckender – aber auch bedrückender – als wenn man direkt davor steht.

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