Tag 3 – Kekkon omedetou gozaimasu (3)

Was uns im Vorfeld zur Hochzeit ziemlich beschäftigt hat, war die Frage nach dem richtigen Geschenk. Dank der deutschen Freundinnen, die wir in Japan haben, wissen wir darum, dass Sachgeschenke eher nicht angebracht sind. Man schenkt Geld in einer bestimmten Höhe.  Das finde ich durchaus praktisch. Wir erfuhren also, dass Gäste quasi beim „Check in“ für die Feier einen Umschlag mit dem „Eintrittsgeld“ abgeben. Man sollte aber darauf achten, keine Beträge mit geraden Zahlen in das Kuvert zu stecken. 20.000 Yen, 40.000 Yen etc. gehen nicht, weil man diese Summe gut teilen kann und es eine Trennung der Eheleute symbolisieren könnte. Und man schenkt nichts mit der Unglückszahl 9. Ich hoffe, vor weiteren ungeahnten Fettnäpfchen schützt uns, dass von Nicht-Japanern nicht zwingend das Einhalten diverser Regeln erwartet wird. Wir entscheiden, Euro statt Yen zu verschenken. Da gilt die japanische Zahlensymbolik vielleicht nicht so. ;-)

Das Problem beginnt, als uns am Eingang zum Bankettsaal niemand den Umschlag abnehmen will. Irgendetwas scheinen wir nicht bemerkt oder kapiert zu haben.  Ich sehe auch niemand anderen mit einem Umschlag. Hm. Komisch. Irgendwann drücke ich einfach dem Brautvater das Kuvert in die Hand. So erreicht unser Geschenk garantiert sein Ziel.

(Über die Deko am Einlass muss ich ein wenig schmunzeln. Die kleine blaue Plüschfigur kenne ich aus dem Zeichentrickfilm Tonari no Totoro.)

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Bevor wir in den Saal gehen können, bekommen wir am Eingang einen Tischplan ausgehändigt. Erleichtert stelle ich fest, dass unsere Namen nicht auf Japanisch darauf stehen. ;-)  Wir sitzen in der Nähe der Familie der Braut. Mit uns am runden Tisch drei junge japanische Frauen.  In den kommenden zweieinhalb Stunden läuft nun ein durchorganisiertes Programm ab, bei dem jede(r) zu wissen scheint, was als nächstes passiert. Wir nicht. Auch nicht, wie lange die Party dauert.

Wir warten auf das Brautpaar. Um diese Zeit zu verkürzen, werden auf zwei großen Leinwänden Bilder aus der Kindheit, Jugend und Kennenlernzeit der beiden Frischvermählten gezeigt. Das finde ich prima. Auch wir kommen darin vor. Schön, dass das Austauschjahr in der Präsentation Platz gefunden hat. Als sie zu Ende ist, kommen M&K in den Saal. Sie haben sich umgezogen und tragen nun eher westliche Hochzeitskleidung: er einen grauen Anzug und sie ein weißes, schulterfreies Brautkleid.  Schick.

Der Bräutigam hält eine kleine Rede.  Die Braut steht daneben und schmunzelt. Dann darf auch sie etwas sagen.  Wir verstehen nichts und freuen uns dennoch gerührt mit. Nun wird die riesige Hochzeitstorte angeschnitten. Unter Jubel der Anwesenden füttern Mann und Frau sich gegenseitig.

Mit einem Gläschen Sekt wird auf beide angestoßen. Das folgende Menü besteht aus mehreren Gängen, wobei die Hochzeitstorte den krönenden Abschluss bildet. Alles ist eine wahre Augenweide, abwechslungsreich und auch geschmacklich sehr interessant. Nur schaffe ich es angesichts meiner „Verpackung“ nicht, alles brav aufzuessen.  Ich sitze, wie es sich gehört, sehr aufrecht und auf der vorderen Kante des Stuhles. Anlehnen darf ich mich wegen des schön drapierten Obis nicht. Und ich vermeide, mehr als ein Glas Sekt und ein wenig Wasser zu trinken. Wenn irgend möglich, würde ich im Kimono gerne den Gang zur Toilette vermeiden.   (Das gelingt mir übrigens. *zwinker*)

Während fleißige Geister auftischen (und nachschenken), werden diverse Reden vorgetragen und Fotos mit dem Paar gemacht. Sie sitzen beide an einem separaten Tisch an der Fensterseite. Irgendwann zieht sich Braut noch einmal um. Wieder ein westliches Brautkleid. Diesmal ein Traum in rosa. Es folgt ein Auftritt gemeinsam mit dem Orchester, in dem sie Mandoline spielt. Der Bräutigam dirigiert. Wir hören einen deutschen Hochzeitswalzer, den unsere Gasttochter für uns auch auf Deutsch ansagt. Als sie ergänzt „Hast Du verstanden, Mama?“ bekomme ich Gänsehaut und habe Pipi in den Augen.  In diesem Moment fällt mir auf, dass irgendwie alle zu uns Mama und Papa sagen.   (Und wir auch darauf reagieren.) Auch die Großeltern unserer japanischen Tochter. Das ist vermutlich deutlich einfacher, als unsere Vornamen zu verwenden.

Die Party ist nicht mit einer deutschen Hochzeitsfeier zu vergleichen. Es wird nicht getanzt, es gibt keine semilustigen Spielchen und auch der Alkoholkonsum hält sich in Grenzen. Vor allem aber: Es ist keine Open End Veranstaltung.

Das Brautpaar hält noch eine Ansprache an ihre Familien.  Unser Gastkind bedankt sich bei Okaasan und Otousan (Mutter und Vater) und ist dabei sichtlich gerührt. Ich bin es parallel auch. Und überhaupt verdrücke ich so dieses und jenes Tränchen. Es macht keinen Unterschied, dass die junge Frau da vorne nicht meine leibliche Tochter ist. So ein gemeinsames Jahr verbindet, finde ich.

Zum Schluss sehen wir einen kurzen Film mit den Bildern des Tages. Im Zeitraffer laufen gerade die letzten, aufregenden Stunden noch einmal an uns vorbei. Toll, dass das Fotographen- und Filmteam das so professionell und schnell hinbekommen hat.

Das Brautpaar verabschiedet kurze Zeit später die Gäste alle noch mit einem kleinen Give away. Eine letzte Umarmung von uns, dann ist die Party auch schon wieder vorbei.

Kekkon omedetou gozaimasu – Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit.

Im Anschluss wird mir aus dem Kimono geholfen, den ich wirklich gerne und mit großem Stolz getragen habe. Ich kann sagen, ich habe mich gut darin gefühlt. Es war ein großartiges Erlebnis und eine tolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Danke, dass das möglich war. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so tollen Stoff angefasst und ich habe mich noch nie so  „pretty“ angezogen gefühlt.

Teil 1

Teil 2

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35 Antworten zu Tag 3 – Kekkon omedetou gozaimasu (3)

  1. sweetkoffie schreibt:

    Was für ein Erlebnis!!!
    War der Kimono geliehen?
    LG sk

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  2. Clara HH schreibt:

    Du bzw. ihr werdet es euch nicht in euren kühnsten Träumen habt vorstellen können, dass euch eine japanische Austauschschülerin mal zu ihrer eigenen Hochzeit einlädt. Es ist so schön, dass das Leben solche schönen Filme dreht.

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  3. tigger0705 schreibt:

    WOW, was für ein schöner Tag!
    Danke, dass du uns daran hast teilhaben! Ich musste eben auch das eine oder andere Tränchen verdrücken. Ein sehr schöner Bericht!
    Lg Mel

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  4. Lucie schreibt:

    Ein unauslöschbares Erlebnis für euch! Toll, dass wir auch daran teilhaben durfte.

    Herzliche Grüße :-)

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  5. ute42 schreibt:

    Was für ein schöner Tag und was für eine würdevolle Feier. So sollten die Hochzeitsfeste bei uns auch ablaufen. Mir würde das gefallen. So schön und einmalig dein Kimono sicher war, ich kann mir vorstellen, dass dein ganzer Körper nach dem Ablegen aufgeatmet hat :-) Trotzdem war das ganz bestimmt ein einmaliges Erlebnis, das du nicht missen möchtest.

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  6. Anna-Lena schreibt:

    Ich bin ganz begeistert von deiner Schilderung, liebe Frau Tonari. Das hast du so gut rüber gebracht, als wäre man selbst dabei gewesen!

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  7. Ingrid, die Bastelmaus schreibt:

    Hallo „Mama“! Da wären gewiss auch mir die Tränen gekommen…. Wunderbar, liebe Britta, wie Du das alles beschreibst, man glaubt selbst dabei zu sein! Geht der Bericht noch irgendwie weiter?
    LG Ingrid

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  8. Ulrike schreibt:

    Toller Bericht!
    Gibt es auch Fotos von Dir im Kimono? Oder von der Braut im Hochzeitskleid?
    LG
    Ulrike

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  9. minibares schreibt:

    Wow, was für ein Bericht.
    Das mit den Geldgeschenken ist nicht leicht.
    Mutter und Vater – wie lieb.

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  10. monisertel schreibt:

    Liebe Tonari,
    was für eine Feier, einfach wunderschön, was Du alles berichtest. Fast, als wären wir mit dabei.
    Vielleicht kannst Du ja den Kimono mal zeigen? Das wäre schön.
    Liebe Grüße und nochmals Danke fürs Mitnehmen auf diese in jeder Hinsicht ungewöhnliche Hochzeitsfeier.
    Herzlichst moni

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  11. Bellana schreibt:

    Gar nicht so einfach, in einer fremden Kultur alles richtig zu machen. Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung dieser japanischen Hochzeit.
    Grüßle Bellana

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  12. ClauDia schreibt:

    hach… ist nicht schon zu ende, oder??? Danke, dass wir dabei sein durften, Austausch-MAMA, ich hab schon wieder Pippi in den Augen, Britta! :)
    und ja, sich diese Reise spontan auch leisten zu können, ist wirklich ein Glück, ich gönne es dir von Herzen!
    Umärmler (bin mal so frei und ohne den wunderbaren Kimono geht das ja jetzt wieder :D )
    Claudia

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  13. Gedankenkruemel schreibt:

    So ein wunderbarer Bericht liebe Britta ♥
    Danke dir..das du uns teilhaben lässt..
    Und ja da wären auch mir Pippi in die Augen gekommen..
    auch wenn ich keine Kinder habe..
    Lg Elke

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  14. Diamantin schreibt:

    Ich bekam beim lesen eine Gänsehaut. Danke für den tollen Bericht.

    Lg Anett

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  15. Pingback: Himmelspagode | Mein Lesestübchen

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