Tag 3 – kekkon omedetou gozaimasu (1)

Sonntag. Der Tag, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Kimono tragen und bei der Hochzeit unserer Gasttochter etliche Tränen verdrücken, nein vergießen werde.

Um kurz vor 10 Uhr holt uns der Brautvater mit dem Auto ab und bringt uns zum  Hochzeitsveranstalter. Das ist der Ort, an dem sowohl die Trauung als auch die anschließende Feier stattfinden werden.

2052016_Lounge

Nach wenigen Minuten Wartezeit in der Lounge werden das Töchterlein und ich in einen An- bzw. Umkleideraum gebracht. Dort wuseln schon ein paar Frauen aus Marinas Familie durcheinander. Sie bekommen gerade professionelle Hilfe beim Ankleiden ihrer Kimonos oder helfen sich gegenseitig. Ich versuche nicht im Wege zu stehen, setze mich zunächst auf einen Hocker und beobachte, wie das Töchterlein in einen wunderschönen, gemusterten Kimono aus dem Familienbesitz gesteckt wird. Man nennt ihn Furisode. Er hat sehr lange, sogenannte Schüttelärmel. Ich lerne, dass solch ein Kimono von unverheiratete Verwandten bei Volljährigkeits- oder bei Hochzeitszeremonien getragen wird.

Dann beginnt mein Einkleiden. Zunächst bekomme ich eine Art Unterrock und Wickelbluse mit dreiviertellangen-Ärmeln aus heller, luftig leichter Baumwolle in die Hand gedrückt. In einer kleinen Umkleidekabine tausche ich nun meine normalen Klamotten gegen diese Hadajuban genannte Unterwäsche. Und ich schlüpfe schon mal in die weißen Zehensocken (Tabi). Danach beginnt der spannende Teil des Kimonoanziehens. Wann ist mir in meinem Leben wohl zuletzt beim Ankleiden geholfen worden? Einfach nur Dastehen und die Arme heben, während zeitweilig zwei Frauen am Outfit arbeiten, ist für mich sehr ungewohnt. Wir kichern ein wenig gemeinsam über meine sehr unjapanische Oberweite. Das versteht frau auch ohne Sprachkenntnisse.  ;-) Zunächst wird zu meiner großen Überraschung gnadenlos alles, was mal Brust und Taille war, mit frotteeähnlichem Stoff (Handtüchern?) wegretouchiert. Super, denke ich und frage mich, warum ich mir in Vorbereitung auf das Fest ein paar Pfunde abgehungert habe, wenn sie nun quasi künstlich wieder drauf gepackt werden. Nun werde ich in einen, in meinen Augen wunderschönen rot-weißen Kimono gesteckt. Vielleicht nicht ganz meine Farben, aber interessantes Muster. Überrascht stelle ich jedoch fest, dass das noch nicht das Ende des Anziehens war. Denn dieser Kimono heißt Nagajuban, wird nochmals mit einer Art ultra fest gezurrter Bauchbinde (Datejime) fixiert und war quasi nur die schicke Hülle unter dem eigentlichen Prunkstück. Das begreife ich aber erst, als aus einer großen Schachtel ein unglaublich schöner Seidenkimono hervor geholt wird. Mir bleibt sprichwörtlich fast der Atem weg. Welch ein Traum. Ich darf mich in einen Kurotomesode kleiden lassen, einen schwarzen Kimono für verheiratete Frauen, der nur unterhalb der (nicht mehr vorhandenen *zwinker*) Taille  gemustert ist und der traditionell von den Müttern eines Brautpaares getragen wird. Ich bin beeindruckt, welch Ehre, die mir als ehemalige Gastmama da zuteil  wird.

Es wird hier und da weiter an mir gezuppelt. Offenbar benötigt alles seinen richtigen Platz und die perfekte Position. Inzwischen atme ich wegen der bisherigen Verschnürung nur noch flach. ;-) Mit Hilfe weiterer Schnüre wird nun an mir die Länge des Kimonos reguliert. Ich danke dem lieben Reisegott auf Knien, dass ich eher japanisches Gardemaß besitze.  So bekommen die Frauen ohne Probleme hin, dass der Kinomo eine super Ohashori-Falte auf den Hüftknochen schlägt und  nun hinten wie vorne die vorgeschriebenen Zentimeter über dem Boden endet. Ich kann im Detail nicht beschreiben, was da an diversen Zwischenschritten erforderlich war. Es wird mit Clips geklammert, mit Bändern und Schnüren  festgezurrt, die bei der nächsten Lage wieder entfernt werden. Es wird allerorten glatt gestrichen und erneut gezupft und gezurrt. Eine Wissenschaft für sich. Frau Tonari versteht jetzt jedenfalls sehr gut, warum japanische Frauen Kurse für das richtige Anlegen der vielen Kleidungsstücke belegen. Dann endlich scheint das Grundgerüst zu sitzen. Der Gürtel (Obi) wird angelegt. Das heißt, er wird fest um den Oberkörper gewickelt – ich möchte glatt von drapiert sprechen – und ich werde immer wieder besorgt gefragt, ob es noch geht und ich genug Platz zum Atmen habe.

Es gibt verschiedene Arten, den Obi zu binden. Bei mir sieht es übrigens völlig anders aus als beim Töchterlein. Ich bekomme einen sogenannten Trommel-Knoten (Otaiko-Musubi) und werde nochmals mit einer Art Kordel Obijime vor dem Bauch verknotet. Irgendwann schiebt man mir dann noch eine Art gürtelförmige Pappe (Obiita) zwischen Obi und Kimono. Er soll für Standfestigkeit und Faltenfreiheit des Obi sorgen.  Zunächst sorgt alles dafür, dass ich mich ein wenig „verpackt“ fühle. Zum Schluss in die Geta (japanische Holzsandalen) schlüpfen. Marinas Mama borgt mir noch eine stilechte Tasche. Fertig. Fix und.

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Mehr als eine Stunde hat das Ankleiden gebraucht. Jetzt gehe ich mit wirklich sehr kleinen Schritten zurück in die Lounge und bin total gespannt auf das, was kommt…

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49 Antworten zu Tag 3 – kekkon omedetou gozaimasu (1)

  1. ClauDia schreibt:

    Liebe Frau Tonari,
    schick sieht das aus und ich freue mich grad mit dir über die Ehre, diesen besonderen Kimono als Gast-Mutter anziehen zu dürfen.
    Und ich bin so gespannt, wie es weitergeht :)
    Liebe Grüße
    ClauDia

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  2. anneseltmann schreibt:

    Moin Moin Frau Tonari!
    Die Bilder habe ich ja schon sehen dürfen und auch die Geschichte dazu. Und doch lese und schaue ich gerne noch einmal. Ich hätte nie so lange stehen können aufgrund meiner Bandscheibe.
    Aber es muss ein wunderbares bis ehrfürchtiges Gefühl gewesen sein!

    Liebe Grüße

    Anne

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  3. Liebe FrauTonari.
    Ich hab gerade Gänsehaut und kann nur im Ansatz nachvollziehen, wie Du Dich gefühlt hast.
    Der Kimono ist wunderwunderschön!

    Liebe Grüsse
    Susi

    Gefällt 2 Personen

  4. tigger0705 schreibt:

    Liebe Frau Tonari,

    schnief Ist das ein toller Bericht und ein toller Kimono! Steht dir sehr gut.

    Lg Mel

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  5. ute42 schreibt:

    Hast du denn überhaupt noch Luft bekommen? Ich atme ja schon schwer beim Lesen. Aber wenn einem eine solche Ehre zuteil wird, dann verzichtet man sicher gerne auf ein klein wenig Lungenvolumen. Danke, dass wir das miterleben dürfen.

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    • Frau Tonari schreibt:

      Ich habe ein wenig flacher als sonst geatmet. So richtig tief durchatmen ging aber wirklich nicht mehr. Nach einer Weile gewöhnt man sich dran.
      (Ebenso, dass keine großen „Sturm“schritte mehr möglich sind.)

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  6. Dirgis (Sigrid) schreibt:

    Was für ein Traum!
    Ist der beste Reisebegleiter auch entsprechend eingekleidet worden? Das wäre ja der Traum des Försters – einen echten Kimono tragen zu dürfen.
    Oder tragen die Herren Anzug?
    Ich freue mich auf weitere Berichte.

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    • Frau Tonari schreibt:

      Die Männer haben alle „normale“ Anzüge getragen. Mein bester Reisebegleiter von allen hatte seinen nebst weißem Hemd, Schlips und Schuhen auch nach Japan mitgenommen. Damit war übrigens der halbe Koffer voll ;-)
      Der Bräutigam trug… Aber das beschreibe ich dann im nächsten Beitrag.

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  7. Anna-Lena schreibt:

    Du siehst irgendwie verändert aus, aber wirklich gut :-) .Ich bin gespannt, wie es weitergeht…

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  8. minibares schreibt:

    Richtig spannend das Ganze.
    Der Kinono steht dir super.

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  9. franhunne4u schreibt:

    Ich hatte jetzt ein wenig Pippi in den Augen. Eure Gasttochter muss sich wirklich als Kind angenommen gefühlt haben für die Zeit, die sie bei Euch war – und dass ihre Eltern dir und dem besten aller Gastväter dafür dankbar sind, sieht man in solchen Gesten.
    Woher weiß Frau Tonari denn, wann welcher Kimono getragen wird? Ich wär da völlig ignorant!

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  10. Gedankenkruemel schreibt:

    Wunderbare Erlebnisse und fein schaust du aus…
    Er steht dir ganz wunderbar.. ♥
    Ich bin mit euch über all diese feinen Gesten..begeistert..
    Danke fürs zeigen (den Kopf kenne ich ja..*lächel).
    Euer Töchterlein mit Kimono hab ich im FB gesehen…

    Danke fürs zeigen und Erklärungen und fürs mitnehmen..

    Liebe Grüsse, Elke

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  11. Patricia schreibt:

    Oh mein Gott, keine zwei Minuten würde ich es in solch einem Stück aushalten. Ich bekomme schon Beklemmungen beim lesen.

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  12. Lucie schreibt:

    Wunderschön, liebe Britta! Eine super Beschreibung und beim lesen habe ich mit gelitten und mir ist fast der Scheiß ausgebrochen. Ich bewundere dich, das du dieses Prozedere und auch den Tag so gut überstanden hast!

    Wurde dein Mann auch angekleidet? Oder gilt das nur für die Frauen?

    Herzliche Grüße :-)

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  13. Clara HH schreibt:

    Beim Lesen hatte ich mir gewünscht, Fotos von deiner Hochzeits“brautmutter“bekleidung zu sehen und befürchtet, dass du das wegen Fotoscheu aus verständlichen Gründen nicht machen wirst – aber so ist es wunderbar gelöst.
    Das hört sich wirklich schon alles so an, als wenn du ganz viel japanisch kannst, kennst, könntest und überhaupt!

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  14. AndiBerlin schreibt:

    Hui was für ein Aufwand (das ist keinesfalls abwertend gemeint).
    Ich habe ja die Theorie, das die Teilnehmer der Hochzeit bewusst alle so eingeschnürt werden, damit das Buffet nicht so geplündert wird. ;-)
    Ein sehr interessanter und spannender Bericht. Ich bin gespannt wie es weitergeht, und wie so eine japanische Hochzeits- Zeremonie an sich aussieht.

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  15. Myriade schreibt:

    Eine schöne Geste und ein sehr schöner Kimono. Hoffentlich war es danm nicht zu heiß aber in so einer interessanten Situation ist das ja egal

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  16. Frau Ladybird schreibt:

    Ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung des Hochzeitsberichts. Welch ein tolles Gewand, so ein Kimono. Gut, wenn Frau japanische Längenmaße hat. Die Frage nach dem Toilettengang würde mich auch interessieren. Da braucht Frau bestimmt auch Hilfe. Aber Frauen gehen ja nie allein zur Toilette ;-)

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  17. antje schreibt:

    uff, da bin ich aber froh, daß keine Japaner in meiner Verwandtschaft sind. soviel Verkleidung ist nichts für mich. alle Achtung, daß du dazu bereit bist! natürlich freue ich mich auf die Fortsetzung und die Klärung der toilettenfrage… ;)

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    • Frau Tonari schreibt:

      Ich war wirklich sehr glücklich darüber, dass ich es einmal erleben durfte, so ein traditionelles Kleidungsstück zu tragen. Interessanterweise habe ich mich gut gekleidet und nicht verkleidet gefühlt.
      Die Toilettenfrage stand für mich nicht. Ich hatte in weiser Voraussicht morgens nur wenig und auf der Feier auch nur in homöopathischen Dosen getrunken.

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  18. Charis schreibt:

    Danke für diesen ausführlichen Bericht mit dem Seidenkimono für Frauen. <3
    Da ich auf Seide male, interessiert mich das ganz besonders … ;) Die Qualität der Kimonoseide wird hier in Deutschland praktisch nirgends verkauft und verarbeitet, da es wenig Bedarf gibt. Seidenkimonos waren früher das Wichtigste im Leben einer Geiko {bei uns Geisha genannt} und gehörte zu ihrem Berufsbild absolut dazu – vielleicht kennst Du diese website? LINK: http://geishaofjapan.com/fashion/kimono/
    Freue mich auf weitere posts und Fotos von Dir UND auf die Beantwortung der Frage nach dem Toilettengang … :D
    LG Charis, die ein wenig neidisch auf Kimono-Fotos ist … ;)

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  19. kallehd schreibt:

    Liebe Tonari,

    das ist ja sehr interessant. Und es hätte mich noch gereizt, auch das „darunter“ zu sehen – sprich den roten Kimono. Das Resultat sieht auf jeden Fall grandios aus!!! Kann man damit einen ganzen Tag überstehen, wenn man es noch nie getragen hat?

    Herzliche Grüsse Kalle

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    • Frau Tonari schreibt:

      Am liebsten hätte ich natürlich fast jeden Ankleideschritt geknipst, lieber Kalle, aber ich habe mich nicht getraut. Die Stimmung war so … festlich, da wollte ich nicht stören. Überhaupt habe ich aus diesem Grund nur sehr wenige Bilder gemacht.

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  20. Diamantin schreibt:

    Wow…sehr beeindruckend.

    Lg Anett

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  23. monisertel schreibt:

    Liebe Tonari,
    jetzt habe ich den Artikel gefunden und den Kimono bewundert.
    Ich bin etwas sprachlos über diesen besonderen Aufwand, der mit dem Ankleiden und Tragen eines solchen Kleidungsstückes verbunden ist. Wenn man den unteren rot-weißen Kimono nicht sieht, wozu dient er dann?
    Mit meiner Körpergröße falle ich mit Sicherheit aus der Japan-Norm und es hätte noch mehr Probleme gegeben. Gut, dass Du Dich wohl gefühlt hast, denn das ist ja bei einer so aufregenden Zeremonie schon die halbe Miete, gell.
    Nochmals Danke für den wirklich ausführlichen Bericht, der einem all die vielen (superwichtigen) Details nahe gebracht hat.
    Liebe Grüße
    moni

    Gefällt 1 Person

    • Frau Tonari schreibt:

      Ich weiß nicht genau, welche Funktion der Unterkimono hat.
      Im Winter mindestens hält er schön warm. ;-)
      Vermutlich aber dient er auch dazu, den Schweiß aufzunehmen.
      Die Seidenkimonos nämlich können nicht gewaschen werden. Man lüftet sie nach dem Tragen nur aus.

      Gefällt 1 Person

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