Der S-Bahn-Zappler

Plumps. Auf meinem Nachbarsitz musste soeben etwas sehr Massiges gelandet sein. Aus der Tageszeitung leicht seitlich hochblickend, ortete ich geschätzte 150 kg maskulines Lebendgewicht. Schwitzender Endzwanziger. Kleiner, kugeliger Anzugträger. Und: verräterische weiße Kopfhörerstöpsel in den Ohren. Eipottdianer also. Soweit, so unkritisch.

Dann allerdings legte er seine fleischigen Finger auf die vom Bauch nicht verdeckte Restfläche seiner Oberschenkel. Zunächst wippte nur unentwegt das auf meiner Seite befindliche Bein. Sehr nachdrücklich. Unübersehbar. Geradezu aufdringlich. Ich konnte nicht unterdrücken, es permanent wahrzunehmen und versuchte verzweifelt, konzentriert meine morgendliche Lektüre weiter zu lesen. Mein Adrenalinspiegel stieg. Auch wenn ich nicht hingucken wollte, im erweiterten Blickwinkel zappelte es gnadenlos weiter.  Und das machte mich echt nervös. Also probierte ich den demonstrativ laaaaaaaaangen und genervten Seitenblick. Ihr ahnt es, leider erfolglos.

Im Gegenteil, denn der Typ hatte doch glatt noch eine Steigerungsstufe in petto. Offensichtlich gehörte er nicht der Fraktion der Luftgitarrespieler an, sondern der Bruderschaft der Luftschlagzeuger. Mit den oben bereits erwähnten Knubbelfingern trommelte er nun permanent knapp oberhalb seines Knies herum. Höher ging nicht – wegen kurzen Armen und dickem Bauch.

Leute, ich litt. Die Bahn war zu voll und ein Sitzplatz wegenn der noch längeren Restreisezeit zu kostbar,  um meinem Fluchtreflex nachzugeben. Auch krampfhaftes aus dem Fenster gucken nützte nix. Die Zappelei war allgegenwärtig, übertrug sie sich doch quasi durch die Sitzbank. Von Station zu Station hoffte ich, er würde endlich vernünftig aussteigen.

Plötzlich klingelte sein Handy.  Die Trommlerknochen wurden nun zum Glück nun für etwas anderes benötigt, die Musike mutierte zur Nebensache. Mein Nebenmann verabredete sich, nahm seinen Rucksack und entschwand.  Ich war erlöst. Uff.

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16 Antworten zu Der S-Bahn-Zappler

  1. Wortman schreibt:

    *lach* Da hast ja nochmal richtig Schwein gehabt :)

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  2. freidenkerin schreibt:

    Oh, so was kenn’ ich, das ist wirklich schlimm! Noch übler als die Leutchen, die in der voll besetzten Tram um sieben Uhr morgens dermaßen laut telefonieren, dass eigentlich gar kein Handy von Nöten wäre… :evil:

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  3. podruga schreibt:

    ätzend, diese ignoranz.

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  4. ute42 schreibt:

    So einen Typen neben sich zu haben ist wirklich nicht angenehm. Das habe ich mal im Flugzeug erlebt. Zum Glück war es ein Inlandflug :-)

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  5. Ruthie schreibt:

    Ich kann sowas auch gar nicht leiden!! Das ist schon Belästigung, finde ich!

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  6. Anna-Lena schreibt:

    Fahre mit der Bahn und es wird garantiert nie langweilig :lol:

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  7. Quizzy schreibt:

    Au weia! Wie lange bist du denn täglich mit der S-Bahn unterwegs? ich kann zum Glück bei dem Wetter in die Stadt radeln … :-)

    Liebe Grüße

    Renate

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  8. ruediger schreibt:

    ein aufrichtiges und umständliches Wedeln mit der gesamten Zeitung, im Zuge eines Dauerumblätterns hätte womöglich dafür gesorgt, dass dieses seltsame Männchen sich einen andere Ort für sein eigentümliches Balzen gesucht hätte. Aber wer weiß das schon. :)

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  9. Bärbeli schreibt:

    Ohweeeeh, da hast Du aber sehr leiden müssen. Manche Leutchen nehmen einfach keine Rücksicht auf andere. Aber das sind eben nicht immer nur die Jugendlichen, wie meist behauptet wird. Auch die ältere Generation mutiert zu “hier bin ich, was will der andere hier”….

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  10. Gedankenkruemel schreibt:

    Nicht nur manche, davon giebts ne ganze Menge.
    Du Ärmste, ich hätte da echt nicht still sein können.
    Musik ist ja toll, aber nicht so.

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  11. minibares schreibt:

    Ach du meine Güte.
    Tja, da bleibt offensichtlich nix anderes, als mutig bzw. heldenhaft auszuharren.
    Aber mit lesen und Inhalte erfassen ist es wohl aus, da schlagen die Gedanken doch Purzelbäume…..

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  12. Nicole schreibt:

    Wie gruselig.
    Ich mag keine Leute, die so null um sich rum wahrnehmen. Ekelhaft :(
    Und mit der heutigen Ohrstoepselgeneration gibt’s da ja umsomehr von :(
    Baeh :(!

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  13. ankeberlin schreibt:

    Würde man nicht S-Bahn fahren, würde man gar nicht wissen, was es alles gibt … ;-)

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  14. Britta schreibt:

    *lach* Das hast Du wunderbar anschaulich beschrieben – herrlich!!!
    Manchmal sind es solche Kleinigkeiten, die uns total nervös machen und aus der Bahn werfen (im wahrsten Sinne des Wortes, in diesem Fall!), gelle?!
    Mich macht sowas auch narrisch – und dann frage ich mich, ob ich einfach zu empfindlich oder der andere bekloppt ist! Ich tippe auf letzteres!!! Hehe!

    Liebe Grüße
    Britta

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  15. Clara Himmelhoch schreibt:

    Warum ist mir das damals entgang? – Wo ich doch jede fünfte S- oder U-Bahnfahrt solche Nervis um mich herum finde. Aber ich habe mehr Glück, zu meinen Zeiten sind immer mehr Plätze frei.:-)

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