Manchmal wundere ich mich über meine Mitmenschen. Vor allem darüber, wie sie sich verhalten. Und ich frage mich besorgt, ob mal wieder meine Erwartungshaltung an andere zu hoch ist.
Da findet eine Familienfeier statt. Man kommt zusammen, um in geselliger Runde einen bestimmten Anlass zu feiern. Und mittendrin ein Gastkind, das die deutsche Sprache zwar ganz gut beherrscht, aber eben nicht immer alles versteht.
Ja, natürlich wird sie freundlich begrüßt. Auch von denen, die sie bisher noch nicht kennen gelernt haben. Aber schon die Mühe neben der Nennung des Vornamens auch noch zu erklären, wie wer mit wem verwandt ist, macht sich keiner mehr. Es waren übrigens ganz einfache Verknüpfungen, nicht der 375. Schwipp-Schwager mütterlicherseits
Ein Gespräch wird nicht gesucht. Also ich hätte ja jede Menge Fragen an einen ausländischen Gast – woher auch immer -, der zudem noch meine Muttersprache leidlich gut verstehen kann. Andere aber wohl leider nicht. Macht es zu viel Mühe, notfalls andere Worte der Erklärung suchen zu müssen, langsam und deutlich zu sprechen?
Was für Antworten erwartet man bitte auf die Frage: „Wie bist du denn mit der Mentalität in deiner Gastfamilie klar gekommen?“ Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich mit der Frage auch noch direkt angegangen fühle. Aber vielleicht höre nur ich da wieder das Gras wachsen… Große Augen, fragender Blick. Das kann sie, so formuliert, einfach nicht verstehen.
Ein Glück, dass das Töchterlein immer gut reagierte und wirklich unermüdlich erklärte. Zum Beispiel was ein Kachelofen ist, um den sich eine Familienstory rankte. Leider war die Pointe inzwischen schon vorbei, bis Marina verstand und nun musste auch die noch einmal erzählt werden.
Und auch bei einem „Wie hat es dir gefallen?“ wird man vermutlich nie eine andere Antwort als „Toll!“ oder „Sehr gut!“bekommen
Ihr merkt, ich schwanke zwischen Erstaunen und Enttäuschung…
Falls hier noch andere Gasteltern mitlesen: Wie hat man in eurem Familien- und Freundeskreis auf eure Gastkinder reagiert? Neugierig, zurückhaltend, desinteressiert? Neugier = Fehlanzeige?
Das stimmt. am anfang hat sich echt gar keiner um marina gekümmert. sie saß da ganz alleine rum und keinen hat es interessiert. andernseits hab ich von ihr auch keine versuche bemerkt, sich mit einzubringen
zu erklären, wer wer ist, wäre vielleicht an uns gewesen?
naja. dafür gabs leckeres essen^^
Das Erklären des Familienstammbaumes
hab ich dann schon übernommen als ich bemerkt habe, dass niemand von alleine auf die Idee kommt.
Und zum Selbsteinbringen sag ich jetzt mal nix…
Aber eigentlich halte ich das tatsächlich für ein Phänomen unserer Zeit. Es ist keiner mehr in der Lage sich wirklich ernsthaft für andere Menschen zu interessieren bzw. das zum Ausdruck zu bringen. Mir wurde das allerdings erst da bewusst, als sich mal wieder ein Mensch wirklich und ehrlich für mich interessiert hat. Das ist ein ganz surreales Gefühl.
Du meinst, die meisten Menschen kommen über smalltalk ohnehin nicht hinaus? Hm, könnte sein. Aber ich gehe solchen „Veranstaltungen“ immer gerne aus dem Weg.
Ich fand es schade. Schade für Marina und schade für die anderen. Selbst unser 8 jähriger Neffe tat, als ob er täglich eine Asiatin am Tisch sitzen hat. Null Neugier. Ich finde das komisch.
Na klar ist das schade. Weil es das ist, was Menschen ausmacht. Der Charakter, das was sie beschäftigt. Oder der, der sie eben sind. Das erfährt man nicht, wenn man mit ihnen übers Wetter redet.
Ich glaube ein Interesse ist grundsätzlich schon da, aber die Bereitschaft sich auf einen anderen Menschen einzulassen und zu riskieren, mehr zu erfahren als man aushalten kann, ist begrenzt. Verstehste, was ich meine?
Also bei uns war ja nun letztens ein großes Familienfest. Die Konfi von unserem Sohnemann und nicht nur Jayla (Taiwan) sondern auch Eduardo (Mexiko) waren anwesend. Die beiden sprechen super gut Deutsch und sind so kommunikativ das SIE auf meine Verwandtschaft zugingen und das Gespräch suchten. Und genau das löste den Knoten, durch ihre lockere Art wurden meine Brüder und meine Schwestern und Co neugierig und unterhielten sich mit den Zwein. Doch mir fiel schon auf das die Verwandtschaft irritiert war von soviel Selbstbewußtsein. Vieleicht war auch etwas Neid dabei so eine Chance nicht gehabt zu haben….wer weiß?
Unsere Austauschschüler waren prima ich war total stolz auf die Beiden und auch stolz auf meinen Sohn der zwar ganz weit weg war aber dennoch anwesend war…..
Fazit: Was die Verwandtschaft nicht kennt macht ihnen Angst und deshalb ziehen sie sich lieber zurück als die Neugierde die mit Sicherheit da ist rauszulassen…..
Liebe Grüße Bonafilia
@ Semmy
Hm, und die Bereitschaft (längere Zeit) zuzuhören und sich einem Thema etwas tiefer zu widmen hat auch extrem nachgelassen. Oberflächlicher wird er, unser Alltag.
@ Bonafilia
Schön zu lesen, dass es bei euch anders (besser) gelaufen ist. Leider aber ist Marina kein sehr extrovertierter Typ. Im bekannten Umfeld (also bei uns)schon, aber nicht, sobald neue Menschen dabei sind.
Desinteresse wär wohl auch bei meiner Verwandschaft das richtige Wort.
Warum ich so blöd bin und mich auch noch um ein fremdes Kind kümmere,das hab ich auch schon gehört.
Und dass das Gastkind extra nicht miteingeladen worden ist gabs auch schonKenn ich aber auch schon,denn auch ohne Gastkind hab ich 4 Kinder und da werd ich häufiger ohne Kinder eingeladen.Sind halt zu viele auf einmal.
Ehrlich gesagt,bin ich schon enttäuscht von der verwandschaft.Ohne drüber nachzudenken,hab ich gedacht,sie würden Gastkinder genauso interessant finden wie ich und natürlich ,wo es nur geht,miteinbeziehen.Nun ja,man lernt ja viel beim Austausch,auch über die eigene Familie.
Ehrlich gesagt,ist das aber nicht nur ein Familienproblem.Das geht in der Schule doch los,welcher Lehrer hta denn ehrliches Interesse am Gastschüler?Welche Mitschüler beziehen sie ein und versuchen Kontakt aufzubauen oder sich zu verabreden?
Gott sei Dank gibt es immer rümliche Ausnahmen,so dass das Austauschjahr für meine Gastkinder doch immer ganz lohnend war.
hm … ich habe weder Kinder, noch Gastkinder.
) und wir haben so ein kleinwenig den umgekehrten fall erlebt. Cheli ist zwar nicht so extrovertiert wie ich *kicher* – aber sie hat erzählt und berichtet, weil es uns alle interessierte. naja, wir sind ziemlich neugierig und finden andere kulturen bezaubernd, so zu sagen und da macht es uns gar nichts aus, dass wir nur brockenhaftes englisch und/oder schlechtes spanisch von uns geben *kicher* – wir haben ja zum glück noch hände und füße und einige wörterbücher 
kann es dennoch nachempfinden, weil die Freundin meines Schwagers Mexicanerin ist und in Mexico-City lebt. letzes weihnachten war sie da und es gab eine rießen familienfeier (gibts bei der familie meines Mannes immer
und ganz spannend wurde das ganze auf dem Friedhof. wir besuchten Oma’s Grab und ich erklärte Cheli, dass Oma atheistin war und das alle in der familie (außer ich) atheisten sind. das war spannend für sie und ich hatte später löcher im bauch
meine familie ist da eher das gegenteil: desinteressiert
naja, mich wundert auch so Manches. Ich glaube einfach, manche Menschen wissen gar nicht, wie sie damit umgehen sollen. Erklären des Familienstammbaums??? – ist das denn für eine Unterhaltung unbedingt notwendig? Aber Fragen, wie es ihr in Deutschland gefällt, ob sie Heimweh hat, sich hier wohl fühlt oder so, finde ich schon wichtig. Das zeigt, dass man sich „kümmert“ und daran interessiert ist, dass es dem Gast gut geht.
Aber wir können nur für uns selbst sprechen und jeder „Jeck ist anders“, würde man in Köln sagen. Eigene „Formate“ sind eben keine Grundlage, das habe ich immer wieder erfahren. Ich würde auch in vielen Dingen völlig anders reagieren als meine Mitmenschen.
Liebe Grüße
Ronja
Ich glaube, meine Familie waere auch eher desinteressiert, auch wenn sie sie wahrscheinlich nicht ausgeladen haetten. Aber ich kann man da an den doch ziemlich verletztenden Kommentar einer Person „Was will die denn hier?“ erinnern, als uns unsere letzte ATS vor dem Jahr fuer ein Wochenende bei meinem Eltern besuchte.
Wie das meine japanische Familie sieht, mhm, gute Frage. Ich wurde freundlich bei den ersten Besuchen aufgenommen und ins taegliche Leben integriert, auch wenn jetzt die Leute nicht soooo extrem viel Interesse an Deutschland und meinen Eindruecken von Japan hatten. Die ATS vom letzten Jahr schienen sie gern gewonnen zu haben, jedenfalls hatte Schwiegermama extra noch Umeboshi fuer sie gekauft, die wir ihr dann auch zuschickten. Die Oma vaeterlicherseits wird wahrscheinlich der Charakter mehr interessieren als das Herkunftsland. Aber den anderen wirds wahrscheinlich mehr „Wenn sie kommt, wird sie freundlich mit aufgenommen. Wenn nicht, dann ist es auch egal.“ gehen.
Ich glaube, daß das offensichtliche Desinteresse eigentlich eher die eigene Unsicherheit verbergen sollte. Und bei vielen Familien, ich glaube, bei meiner wäre das in jedem Falle so, setzt dann, wie bei einer Büffelherde, das Mauern ein: Die Schädel senken, die Stirn bieten, ein bißchen mit den Hörnern drohen – und nichts an sich heran lassen, was nicht zur eigenen Herde gehört!
Daß gute Umgangsformen mittlerweile im Schwinden begriffen sind, diese Feststellung mache ich ebenfalls laufend. In früheren Tagen hätte es ganz einfach zum guten Ton gehört, sich gegenseitig vorzustellen, inklusive kurzer Beschreibung der verwandtschaftlichen Beziehungen.