aus dem AFS-Elternhandbuch 2004 „Informationen und Tips für das Austauschjahr“
Anders als vielleicht zu erwarten wäre, ist die Erfahrung des Austauschjahres für Ihr Kind nicht etwa mit dem Durchschreiten des deutschen Zollhäuschens vorbei, ein wichtiger und sehr langer Bestandteil des Austauscherlebnisses folgt vielmehr noch – die Rückkehr in die deutsche Kultur und die Verarbeitung des Jahres. Dieser Prozess kann bei manchen ATSern Wochen, bei manchen Jahre dauern – und er ist in seiner Intensität und Auswirkung individuell sehr unterschiedlich.
Das erste, was Ihnen an Ihrem Kind auffallen wird, sind vermutlich leichte bis erhebliche Probleme mit der deutschen Sprache – vom falschen Satzbau bis zu ungewöhnlichem Aktenz. Wer monatelang fast ausschließlich in der anderen Sprache kommuniziert und gedacht (!) hat, muss sich beim Sprechen auf Deutsch zunächst sehr konzentrieren, anfangs vielleicht sogar von der nun gewohnten Sprache ins Deutsche übersetzen. Das ist anstrengend und ermüdend. Wundern sie sich deshalb nicht, wenn Ihr Kind in der ersten Zeit nach seiner Rückkehr recht viel Schlaf benötigt, auch Zeit- und Klimaumstellungen können dazu beitragen. In wenigen Tagen oder Wochen wird dieses Problem bewältigt sein.
Abgesehen von der Sprache kommen Ihnen wahrscheinlich einige Angewohnheiten Ihres Kindes merkwürdig vor – andere Tischsitten, ungewöhnlicher Tagesablauf, bisher unbekannter Drang nach Ordnung und Sauberkeit im eigenen Zimmer…!? Viele dieser Verhaltensweisen sind Ihrem Kind garnicht bewusst und Ausdruck für seine gelungenen Integration in die andere Kultur, zu der diese Handlungsweisen gehören. Erfahrungsgemäß ist es für alle Betroffenen hilfreich, wenn das Ungewohnte, Befremdliche angesprochen wird. Seien Sie bitte sehr vorsichtig mit Kritik an den neuen Eigenschaften – die allermeisten sind nämlich nicht „richtig“ oder „falsch“, sondern einfach nur anders.
Nach einiger Zeit werden Sie sicherlich bemerken, dass Ihr Sohn bzw. Ihre Tochter sich auch persönlich in dem Jahr im Ausland sehr verändert hat. Zur körperlichen Veränderung an dieser Stelle ein kleiner, aber vielleicht nicht ganz unwichtiger Hinweis: Fast alle Austauschschüler nehmen in ihrem Auslandsjahr zu (bekannt sind alle Werte zwischen 3 und 30kg). Diese Gewichtszunahme ist unabhängig vom Gastland und ein echtes Austauschschülerphänomen. Suchen Sie also beim Abholen nicht nach dem ranken, schlanken Wesen, das Sie vor einem Jahr ins Gastland entlassen haben. Suchen Sie auch nicht nach dem „Kind“ von damals. Mit ziemlicher Sicherheit wird Ihnen ein junger Erwachsener entgegenkommen. Für Sie, die Sie Ihren Sohn bzw. Ihre Tochter für ein Jahr nicht gesehen haben und ihre Entwicklung nur aus der Ferne miterleben konnten, kann es schwierig sein, diese Veränderung, diese Selbständigkeit, die wahrscheinlich auch im Verhalten Ihnen gegenüber zum Ausdruck kommen wird, zu akzeptieren. Lassen Sie sich und Ihrem erwachsenen Kind Zeit, sich wieder aneinander und an die neue Situation in der Familie zu gewöhnen.
Vielen Schülern bereitet die Rückkehr nach Deutschland einige Probleme: Situationen und Orte haben sich in dem Jahr geändert, frühere Freunde sind inzwischen ihre eigenen Wege gegangen und verfolgen mittlerweile andere Interessen; Werte, die früher wichtig waren, zählen nicht mehr so viel, andere sind dafür in den Vordergrund gerückt. Unverständlich oder nur schwer zu akzeptieren ist für viele ATSer auch, dass die Menschen in ihrer Umgebung sich zwar alle irgendwie für ihre Auslandserfahrung interessieren, jedoch kaum die Geduld aufbringen, wirklich zuzuhören, wenn man auf die Frage „Wie war´s denn?“ mit mehr als nur „Super!“ antworten will.
Nicht zuletzt deswegen neigen ehemalige Austauschschüler häufig dazu, mit anderen ehemaligen Austauschschülern ihre Zeit zu verbringen. Für „Außenstehende“, und das sind in mancherr Hinsicht nun auch die Eltern, sind die Austauscherfahrungen oft nur schwer nachzuvollziehen. Es braucht eine ganze Weile, bis die Heimkehrer ihre Erlebnisse zunächst für sich selbst verarbeitet haben und dann auch in der Lage sind, sie portionsgerecht an andere weiterzureichen. Sie können Ihrem Kind bei der Aufarbeitung seiner Erlebnisse und Erfahrungen behilflich sein , indem sie ihm gebührend Zeit lassen. Drängen Sie es nicht, zu berichten, fragen Sie aber doch immer mal wieder nach dem Jahr im Ausland, auch nach einem halben Jahr noch!
Ich weiß nicht, wie gut Marinas Eltern auf die Rückkehr ihrer Tochter und deren Eigen-Kulturschock vorbereitet sind. Mit Marina selbst haben wir in den vergangenen Tagen über den zu erwartenden re-entry-shock und die daraus folgenden möglichen Situationen gesprochen. Sie wusste nichts darüber. Aus einer fremden Kultur in die eigene zurück zu kehren, ist eben auch nicht ohne. Ich hoffe, Open Door International sagt am Abschlussabend dazu noch ein paar Worte.
Mir haben die obigen Zeilen aus dem Elternhandbuch vor ein paar Jahren wirklich sehr, sehr geholfen, das Verhalten und die Meinung des Töcherleins nach ihrer Rückkehr aus Japan zu verstehen und die notwendige Gelassenheit aufzubringen, die manche Situation erforderlich machte. Wenn plötzlich das deutsche Essen nicht mehr schmeckt, die Menschen alle unfreundlich sind und Berlin ganz schmutzig ist, wenn über nicht beheizte Klobrillen gemeckert wird und die Mitschüler desinteressiert zu sein scheinen, dann brauchte es manchmal einen ganz dicken elterlichen Geduldsfaden
Inzwischen können wir alle herzlich darüber schmunzeln…
Jedenfalls wünsche ich mir für Marinas Eltern, dass sie ähnlich entspannt mit der Rückkehr ihrer Tochter umgehen können und nicht denken, sie sei nun für immer und ewig für die japanische Gesellschaft verloren
Aus diesem Grunde werden Gast- und Töchterlein die obigen Tipps und Hinweise gemeinsam sinngemäß übersetzen und ihnen schicken. Das ist viel Arbeit, lohnt sich aber bestimmt.
Das kann ich mir gut vorstellen, dass so eine Rückkehr nach dieser Zeit schon ein gewissen „Schock“ beinhaltet. Grade, wenn es um bestimmte Dinge geht, die hier völlig anders laufen als im Heimatland.
Ich kann nur sagen, dass z.B. AYUSA zu dem Thema weder in Deutschland noch in Japan irgendwas gesagt hatte und das letzte Versammeln der ATS nur eine Einsammelaktion zum schnellen Abschieben war. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Marinas Eltern in dem Punkt irgendeine Vorstellung haben. Das waere auch irgendwie zu unjapanisch. Und auch wenn YFU Japan in dem Punkt mehr zu machen scheint, so wurde ueber solche Sachen bis jetzt zumindest auch nicht wirklich gesprochen. Eher dann ueber allgemeine Regeln in der Gesellschaft und der Familie.
Ich hatte mit unserer ATS mal vor ihrer Abreise darueber gesprochen, so dass sie darauf gefasst war, aber gluecklicherweise gab es in dem Punkt wohl ueberhaupt keine Schwierigkeiten und vieles war sogar einfacher und netter als vor dem Jahr. Ich wuensche Marina, dass sie auch nicht allzu grosse Probleme haben wird.
Danke für deine Tipps…..ich werde sie mir zu Herzen nehmen und viel Geduld haben mit meinem neuen alten Sohn!
Über einige Hinweise musste ich jedoch auch schmunzeln da es bei meinem Sohn ganz sicher nicht zutrifft…..Ordnungswut?!…hihi…schön wärs ja!
Liebe Grüße