Vor einiger Zeit erzählte Marina, dass kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland in Köln am Dom eine Demonstration bzw. Kundgebung stattgefunden hatte, bei der die japanischen Austauschschüler leider nicht zusehen durften. Es wäre zu gefährlich, lautete die Begründung. Nun lässt sich nicht mehr nachvollziehen, ob es das tatsächlich war oder worum es überhaupt ging. Was blieb, ist die Neugier auf ein solche Veranstaltung.
Demonstrationen und Kundgebungen scheinen für Marina eine eher ungewöhnliche Art der Meinungsäußerung zu sein. Ob es so etwas in ihrer Heimatstadt gibt und sie es nur bisher nicht bemerkt hat oder ob es in Japan allgemein dafür keine Tradition gibt, kann ich nicht sagen. Gewerkschaften gibt es in Japan schon. Vielleicht greifen sie zu anderen Mitteln?
Egal. Am Freitag, also am 1. Mai, bot sich bei uns in Berlin die günstige Gelegenheit, eine Kundgebung mal aus der Nähe zu betrachten. Und bevor hier jemandem der Atem stockt: Nein, wir sind nicht mit ihr bei den berüchtigten Krawallen in Kreuzberg gewesen
Gemeinsam fuhren wir zum Brandenburger Tor, wo die harmlose offizielle Kundgebung des DGB statt fand. Gleichzeitig gab es auf der dort beginnenden Straße des 17.Juni eine Fressmeile Familienfest. Die verschiedenen Gewerkschaften und deren Gruppen größerer Berliner Firmen wie Verkehrs- und Wasserbetriebe oder Stadtreinigung hatten Informations- und/oder Versorgungsstände aufgebaut. Einige der Demonstranten versammelten sich zwar vor der Bühne, hörten die Rede des Berlin-Brandenburger DGB-Vorsitzenden Dieter Scholz, hielten Plakate in die Höhe und klatschten artig gelegentlich. Erstaunlich war in meinen Augen aber die angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftssituation doch verhältnismäßig geringe Beteiligung. Und so klang der Ruf “Hoch die internationale Solidarität!” dann auch ein wenig dünn. Die vom DGB genannte Zahl von 20.000 Teilnehmern muss sehr, sehr optimistisch zu Stande gekommen sein und hat die mit Bratwurst oder Eis durch die lichten Reihen laufenden Touristen vermutlich mitgezählt

Marina fand die Veranstaltung interessant und vielleicht ein bisschen langweilig. Auf der Bühne sah es noch recht bunt aus, in der Menge fehlten mir vor allem interessante oder kreative Plakate. Nur ein improvisierter Ziegenstall stach hervor, bewacht von einer Tierschützerin

Der Abstecher zur Kundgebung war aber eigentlich nur der Auftakt des für diesen Tag geplanten Besichtigungsprogramms. Es lag im wahrsten Sinne des Wortes nahe, bei dem wunderbaren Sonnenwetter endlich einmal den Reichstag bzw. die Kuppel zu besuchen.

Auch die erwartet Besucherschlange schreckte uns nicht ab. Wobei die rund einstündige Wartezeit dann doch ziemlich lang öde war. Marina fand es toll, eine so internationale Stadt zu erleben. Italiener vor, eine Koreanerin neben uns, französiche Wortfetzen, englische sowieso.

Nach einem flughafenähnlichen Sicherheitscheck fuhren wir mit dem Fahrstuhl auf das Dach des Reichtagsgebäudes. Die gläserne Halbkugel des Herrn Foster ziert jetzt seit zehn Jahren das Gebäude und ist ein Besuchermagnet ohnegleichen.

Während des Rundwegs über zwei gegenläufige Rampen, auch Pilgerspirale genannt, hat man einen herrlichen Blick über Berlins Mitte. Faszinierend auch die Spiegelkonstruktion, die das Licht in den darunter befindlichen Plenarsaal des Bundestages reflektiert.
Eines der Gebäude, die man von der Kuppel aus sehen kann, ist das Sony-Center am Potsdamer Platz. Markant vor allem wegen der interessanten Dachkonstruktion, die aus der Ferne betrachtet, der Silouette des Fujisan ähnelt. Und so war es nur folgerichtig, dass wir anschließend dorthin wollten. Zu Marinas Jubel gönnten wir uns für den Weg einen besonderen Luxus: eine kurze Fahrt mit einem Velo-Taxi.

Der Innenhof des Sony-Centers ist mit dem Kino und den vielen Restaurants ein echter Anziehungspunkt. Genial aber ist der Blick von unten auf die Zeltdachbahnen aus Stoff. Um das Dach nicht nur von unten, sondern auch von oben bestaunen zu können, fuhren wir mit dem schnellsten Fahrstuhl Europas auf die Aussichtsplattform des Kollhoff-Towers.

Leider ist momentan ein richtiger Rundumblick aufgrund baulicher Einschränkungen nicht möglich. Schade, dass die Webseite des Panoramapunktes nicht darauf hinweist. Und noch ein Ärgernis: Das Fotografieren mit einer Spiegelreflexkamera wird einem wahrlich nicht leicht gemacht. Engstehende Gitterstäbe verhindern nicht nur das Herunterwerfen von größeren Gegenständen oder die letzte Tat von Lebensmüden, sondern leider eben auch diverse Kameraperspektiven. Glücklicherweise hatte ich noch eine kleine Digiknipse dabei, die man geradeso durch die Stäbe hindurchstecken konnte

Und so gibt es doch noch ein Foto mit dem 96m hohen, von einer japanischen Firma 1978 errichteten Internationalen Handelszentrum am linken Bildrand und dem Fernsehturm rechts.
Angesichts der fortgeschrittenen Zeit fuhren wir direkt aus der Innenstadt zu meiner Freundin Cata und ihrer Familie. Ein gemeinsamer Grillabend war der perfekte Abschluss eines schönen Berlin-Tages.

In Catas Garten fand sich auch die Symbolblume des Tages der Arbeit, wenn auch nicht in knalligem Rot




Ich hoffe Euer Gast hat jetzt keinen falschen Eindruck von einer Demonstration bekommen. Nicht das sie denkt es gibt bei einer jeden Demo Bratwurst und Co., oder es werden jedes mal von einer großen Bühne Reden geschwungen?
Nein, dazu gab es natürlich eine Erklärung
Schon wegen der friedlichen Demo und des wahrlich minimalen Polizeischutzes.
Am Sonnabend haben wir gemeinsam Bilder von den Randalen angesehen und natürlich berichtet, wie gefährlich so etwas ist.
Also, da habt ihr in der Tat ein volles Programm gehabt! Vielen Dank fürs Daran-teilhaben-lassen und die schönen Fotos.
Liebe Grüße, wünsche dir und den Deinen eine schöne und gute Woche.
Uff, ich dachte auch erst, Ihr hättet mit Marina brennende Autos und sich-prügelnde Menschen angeguckt… Nee, nicht wirklich *g*
Eine Stunde Wartezeit an der Kuppel ist ja noch erträglich…
@ AndiBerlin: …und bewachte Ziegen
ich liebe die kuppel vom Reichstag! Genial finde ich die Konstruktion der Frischluftzufuhr, wo man die physikalische Gesetze “in Natur” studieren kann. Der Regen fällt nur bis zu einer bestimmten Höhe, dann wird er duch die Abluft wieder in Dunst verwandelt und steigt wieder auf. Toll! Auch das sich bewegende Sonnensegel, das immer an richtiger Stelle den Schatten spendet, ist super. wiedermal habt Ihr Euren Gastkind DAS BESTE geboten – soooo nett!!!!!!
hehe
…in Berlin war ich ja zu Silvester auch. Und auch am Sony-Center. Nur oben waren wir nicht. Das hätt ich gern mal gemacht!
Wundershcöne Fotos
Nette Bilder und sicher ein interessanter Ausflug…ich war seit Jahren ja auch letztens mal wieder in Berlin. Ich glaub da will ich später mal wohnen!
@ Freidenkerin
Denk mal drüber nach.
Berlin ist immer eine Reise wert
@ Miki
Nee, nee, die Chaotenfotos haben wir ihr nur in der Zeitung gezeigt.
@ Goldmarie
Die Faszination teilen wir miteinander. Technik, die begeistert
Was machen eure Berlin-Reisepläne?
@ Gunwoman
Ich glaube, Silvester ist es gesperrt.
@ Schaps
Das hab ich mir früher auch immer gesagt
Ein kleiner Tipp, falls ihr irgendwann nochmal zur Kuppel wollt: Kurz vor EInlassschluss stehen öfter mal ein paar junge Leute mit langen Listen vor dem Eingang – sprecht sie einfach mal an. Wir durften uns für den nächsten Tag eine Zeit aussuchen, hatten einen 45-minütigen Vortrag im Plenarsaal und durften danach in die Kuppel – das alles ohne Wartezeit!
@ Marlies
Willkommen hier im Blog. Und danke für den Tipp. Falls sich mal wieder Berlin-Besucher bei uns ansagen, werde ich daran denken
Ich hatte im Vorfeld auch überlegt, ob ich mit unserer Gasttochter an einer Führung teilnehme, aber ich fürchte, ihr Deutsch reicht dafür einfach (noch) nicht. Und dann wird es langweilig…