obento – ganz freiwillig

In der Wochenendausgabe unserer Tageszeitung fand sich am Sonnabend ein Artikel, der mich plötzlich zur gefühlten Supergastmutter macht.   ;-)

Unter der Schlagzeile “Ein Videospiel fürs Pausenbrot” wurde geschrieben, dass die Oberen der Stadt Oer-Erkenschwick (irgendwo im Ruhrpott schlummernd) ernsthaft in Erwägung ziehen, pünktliche Schüler mit Videospielen zu belohnen. Vermutlich, damit sie daraufhin der Computerspielsucht verfallen und morgens auch nicht mehr aus den Federn finden. “Problematische” Eltern (“Problematisch” war ein Zitat!) sollen Warengutscheine erhalten, wenn sie morgens ihre Ableger pünktlich in der Schule abgeben. Ausdrücklich sollen diese Bons nicht für den Alkoholkauf verwendet werden, sondern für – haltet euch fest – “Elektronik- und Kleidungsgeschäfte”. Damit endlich ein Flachbildschirm ins Haus kommt oder die Kleinen Markenklamotten von Thor >Nazi<  Steinhart tragen können. Auf die Idee, Bücherschecks zu verwenden, kommt man entweder nicht oder verwirft sie gleich, wegen Bedarfsmangel. Extraprämien gibt es für den Besuch des Elternsprechtages oder ordentliche Pausenbrote. Man muss allerdings anscheinend erst zum erlauchten Kreis der problematischen Eltern gehören, bevor man in den Genuss dieser fragwürdigen Bonusgüter kommt.

Ich mache Marina nahezu klaglos jeden Morgen ein Pausenbrot für die Schule. Bin da zugegebenermaßen ein wenig aus der Übung, denn meine Kids haben sich in dem Alter schon lange selbst versorgt. Vom Töchterlein mit Japanerfahrung habe ich aber gelernt, dass sich das Obento-Machen für ordentliche Mütter im Land der aufgehenden Sonne so gehört und deren  Kinder so ein Verhalten auch erwarten. Gut, jetzt könnte ich mich schütteln und sagen “Wir sind hier in Deutschland und da können 17jährige ihre Brote alleine schmieren.” Mach ich aber nicht. Tests meinerseits haben leider bewiesen, dass das meinige Gastkind das Haus dann nämlich ohne Frühstück  verlässt und wenn Mama nix mitnahmebereit hinstellt, könnte ich ganz schnell  in die “problematisch”-Schublade gesteckt, dann allerdings wiederum als warenbezugsscheintauglich eingestuft werden. Vorausgesetzt, das Oer-Erkenschwicker Vorgehen macht Schule :lol:

Da nützt auch unsere Bitte nichts, sie möge sich selber etwas machen.  Also fülle ich brav die Brotbox und stelle ein Getränk dazu. Allerdings nicht ohne ihr gesagt zu haben, dass das in Deutschland bei großen Kindern nicht wirklich immer so gemacht wird  ;-)   -> siehe Zeitungsartikel ;-)

Marinas Okaasan, die nicht arbeiten geht, steht übrigens jeden Morgen mindestens eine halbe Stunde in der Küche, um das obento für die Schule zuzubereiten. Das ist in Japan deutlich aufwendiger als hier, weil unter anderem der “Pausenreis” gekocht werden muss. Neben dem Reis gibt es Gemüse oder Obst, manchmal Nudeln oder Natto. Fisch wird aufgrund der mangelnden Haltbarkeit ohne Kühlschrank  nicht verwendet, sagt Marina.

“Keine Lust” lautete übrigens die von einem entschuldigenden Lächeln begleitete Antwort auf meine Frage, warum sie ihre okaasan morgens nicht länger schlafen lässt und sich selbst etwas macht.

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6 Antworten zu obento – ganz freiwillig

  1. bonafilia schreibt:

    oh…ich denke ich werde meinen zweiten Sohn Japan schmackhaft machen…hihi…da wird er endlich mal verwöhnt! :grin:

    aber das mit den da in Oer-Erkenschwieg das geht nun mal gar nicht…die Stadtherren haben wohl einen an der Waffeln, oder aber ein Abkommen mit der Unterhaltungsindustrie! *kopfschüttel*

    Für dein all morgendliche Leistung im Pausenbrot schmieren bekommst du von mir den Titel “Supergastmutter” verliehen! Einfach toll!

    Lg Bonafilia

  2. tonari schreibt:

    Ja, gute Idee, deinen Mittleren nach Japan schicken zu wollen. ABER: mit dreadlocks wird das wohl nichts. Die superkonservativen Schulen würden kollabieren ;-)

    Man glaubt es kaum, aber das Städtchen soll schon Anfragen aus anderen Städten haben… *augenroll*

    Und zur Titelvergabe “Supergastmutter” zwinkere ich jetzt mal. Was macht man nicht alles für ein geliehenes Kind.

  3. higanbana schreibt:

    Hallo Tonari,

    ich habe L. auch immer frueh das Bento gemacht, bis sie mich wegen Verdacht auf “gleich vom (nichtvorhandenen) Hocker kipp” ins Bett geschickt hat und bis auf ein paar Ausnahmen die letzten 4 Monate ihr Bento alleine machte. War halt ne Super-ATS-Tochter!!!! ^^

    Jetzt macht uebrigens Goettergatte die 2 bzw. bis naechste Woche Dienstag 3 Bentous.

    Wie aufwendig die Dingerle sind, haengt davon ab, was man verwendet. Mittlerweile gibt es auch gaaaaanz viele Sachen fertig fuers Bento, die die Zeit auch ganz betraechtlich verkuerzen. Und dann kommt natuerlich auch dazu noch, wieviel Aufwand man ins Arrangieren investiert. Im schnellsten Fall hat sich das auch in 5 min erledigt. Ach ja, die Reiskocher haben alle eine Timerfunktion, also echt frueh Reiskochen muss keiner, (es dauert auch mindestens 25 min in der Schnellkochfunktion und sonst 45 min in der Standardfunktion,) der das nicht selber will.

    Neben dem Reis gibt es Gemüse oder Obst, manchmal Nudeln oder Natto. Fisch wird aufgrund der mangelnden Haltbarkeit ohne Kühlschrank nicht verwendet, sagt Marina.

    Also Natto ist nichts, was mit ins Bento gepackt wird. Dafuer ist Natto von der Konsistenz her nicht geeignet. Vielleicht ins suesse Ei eingebacken geht es noch, nur Natto ist unmoeglich.

    Obst wird auch eher selten reingemacht, keine Ahnung, warum. Vielleicht weil Obst kein OKAZU (Beilage zum Reis) darstellt und hier in Japan eher als ungesund (wegen des ja sooooo hohen Zuckergehalts) und als Verwandte von Suessigkeiten angesehen wird.

    Und das mit den Fisch geht ist stimmt leider nicht. Es gibt selbst unter den Bentozutaten aus der Tiefkuehltruhe viele Sachen mit Fisch, und Bentou-you Shake or Buri in der Groesse 4×6 cm gibt es hier in jeder Kaufhalle. Der wird dann nur zuhause in Butter angebraten oder als Teriyaki zubereitet und kommt dann ins Bento.

    Von den Tiefkuehlwaren mag ich z.B. den ausgebackenen Fisch mit Tartarsosse gerne. Oder der mit suesssaurer Ankake (dickfluessige Sosse) ist auch uebelst lecker.

    Wenn Marina meint, das geht nicht, dann ist das eindeutig nur eine vorliegende Meinung in ihrer Familie, oder die Eltern moegen generell keinen Fisch oder Marina selber hat sich nie dafuer interessiert, dass ihr das bisher nicht aufgefallen ist.

    @bonafilia
    Also bei den Dreadlocks muss ich Tonari voll und ganz zustimmen. Aber das hat eher weniger mit konservativen Einstellungen von Schulen, sondern mehr mit der von “ordentlichen Jungs” in der japanischen Gesellschaft zu tun. Und fuer Jungs ist eben nur kurzes Haar gesellschaftsfaehig, obwohl ich persoenlich diesen jetzt modernen Haar-steht-so-in-alle-Richtungen-so-dass-morgens-der-Kamm-ueberfluessig-geworden-ist-Haarstil bei jungen Maennern seeeehr gewoehnungsbeduerftig finde. Und selbst Goettergatte hatte gestreikt, obwohl er das nur ansatzweise geschnitten bekommen hatte.

    Und ehrlich gesagt finde ich Japan ein alles andere leichte Land fuer einen Austausch, dass ich an deiner Stelle ihn nicht zu Japan ueberreden wollen moechte. Wenn er selber fahren will, ist das ganz anders, aber wer von vornherein nur mit einer eigentlich-wollte-ich-gar-nicht-hierher-Einstellung hierher kommt, bei dem ist die Chance hoch, dass es schiefgeht.

    @Tonari-Supergastmutti

    Ich faende es schoen, mal wieder was von euch zu hoeren, selbst wenn es ohne ATS ist. Und vielleicht macht ihr es ja noch einmal, neben Japan gibt’s ja noch soooo viele andere Laender. Daher faende ich es toll, wenn du nach Juni trotzdem weiterschreibst. Es muss ja auch nicht jeden Tag sein. Und Titel kann man auch aendern…

    Liebe Gruesse

    Higanbana

  4. tonari schreibt:

    @ Higanbana

    Wenn ich in diesem Blog etwas schreibe, dann gehe ich immer, wirklich immer davon aus, dass es eine Meinung, ein Standpunkr, eine Ansicht zum Thema Japan und seinen Gepflogenheiten ist. Niemals wirst du hier lesen können: SO ist Japan.
    Und wenn Marina etwas erzählt, dann werde ich das hier gelegentlich einpflechten, wissend, dass Informationen aus ihrer Hand auch nur subjektiv sein können.
    Ich bin mir durchaus bewusst, dass sie nicht DAS Japan repräsentiert, so wie deine Familie es nicht tut oder Danas Gastfamilien. Wir möchten auch nicht als für Deutschland repräsentativ gelten ;-)
    Ich will nun also nicht unter jeden verfassten Artikel diese Sätze als Fußnote schreiben müssen.
    Und wenn Marina wegen ihres langen Schulweges und fehlender Kühlmöglichkeit von ihrer okaasan keinen Fisch ins obento bekommt, dann ist das bei ihr halt so. Analoges gilt für Obst, das es bei ihr eben gibt. Egal, ob man es im Rest Japans anders macht.

    Google mal nach (o)bento und natto und du wirst etliche Seiten finden, auf denen ähnliches berichtet wird. Wir hatten in japanischen Hotels immer abgepacktes Natto in so kleinen Plastikbecherchen, wie hier die Hotelmarmeladen. Warum sollte so etwas nicht in die Bento-Box?

    Bonafilias Scherz, ihrem Sohn Japan schmackhaft machen zu wollen, bezog sich auf den Frühstücksservice japanischer Mütter.

    Unsere “Entscheidung”, dass die ATS-Aufnahme wohl eine einmalige Sache bleiben wird, hängt nicht damit zusammen, dass wir jetzt ein japanisches Gastkind haben. Vielmehr ist es für uns/mich eine ziemliche Einschränkung, was Urlaubszeiten bestrifft oder den Abgleich mit unseren Arbeitszeiten.

    Urlaub: Unsere eigenen Kids sind quasi aus dem Haus. Wir können also außerhalb der Ferienzeiten rund um den Globus reisen. Nicht so mit Gastkind. Zum einen, weil man ihr/ihm noch ein bisschen mehr von Deutschland zeigen will, zum anderen ist das auch eine Kostenfrage.

    Arbeitszeit: Ich stelle fest, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich abends erst so spät zu Hause bin. Was aber üblicherweise bei mir normal ist. Also versuche ich, es anders zu organisieren und merke, dass das Stress für mich ist.

    Und nicht zuletzt ist Dana momentan zumindest noch tageweise zu Hause. Über kurz oder lang wird sich das auch ändern. Blöd für ein Gastkind, wenn Geschwister fehlen und man nur mit den “Alten” die Zeit außerhalb der Schule verbringt.

  5. higanbana schreibt:

    Hallo Tonari,

    das muesst ihr natuerlich ganz selber entscheiden. Wenn es eben gegen ein weiteres Gastkind oder vielleicht auch nur gegen einen langen Zeitraum ist, dann ist es eben nicht zu aendern.

    Ich moechte nur anmerken wollen, dass ein erfolgreiches Jahr nicht damit steht oder faellt, ob man nun Gastgeschwister hat oder seine Eltern staendig nur zuhause sind. Meine Gasteltern hatten auch nur Kinder, die so alt wie meine eigenen Eltern waren. Und sie wohnten weitweg. Und auch wenn sie offiziell Rentner waren, so hatten sie doch oft und manchmal auch sehr lange gearbeitet, ja, meine Gastmutter war sogar Naechte ausser Haus, weil sie im Frauenhaus Nachtschicht machte. Aber meinen Spass hatte ich trotzdem. Und wenn du dich als “alt” bezeichnest, dann muessen sie ja mit ihren fast 70 schon scheintot gewesen sein. *drop*

    Was den Natto betrifft, ja, das ist eben was, was man zum Fruehstueck isst. Oder auch zu anderen Mahlzeiten (zuhause). Aber genau Natto benoetigt Kuehlschrankkuehle, weil er nach etwas draussen stehen und warm werden (und der Reis wuerde ihn sogar richtig erwaermen)erst richtig anfaengt zu stinken. Und das ist ein Gestank, bei dem die Fliegen von den Waenden fallen. Nicht umsonst heissen die beruechtigten “Kaesefuesse” hier “Nattofuesse”, so ein Geruss ist das naemlich.

    Und ich weiss auch nicht, ob du mal die Bentoboxen gesehen hast, in die Doppelstockteile wuerde mal z.B. eine normale Nattoschachtel gar nicht reinbekommen. Und selbst die fuer Kleinkinder muesste man wahrscheinlich etwas zurechtschneiden.

    Wenn das nicht auf einem Deutschmissverstaendnis beruht und Marina nicht von vom normalen Fruehstueck gesprochen hat, dann koennte ich mir nur vorstellen, dass sie eine Schachtel extra mit auf die Bentodose bekommt. Nur wenn Natto fuer sie problemlos sein sollte, dann ist mir die Logik hinter dem nicht zu verwenden duerfenden Fisch ehrlich gesagt nicht klar. Wenn die Kuehlmoeglichkeit in Aichi ein Problem darstellen sollte, dann muesste ja der Verkauf von Fisch fuers Bento im viel weiter suedlich gelegenen Kyuushuu ein Verbrechen schlechthin sein, weil die Leute sich ja sonst nur Lebensmittelvergiftungen zuziehen wuerden.

    Bloss mal aus reiner Neugier: Hast du die Seite noch, wo du den Natto im Bento gesehen hast? Das wuerde mich wirklich sehr interessieren. (Und damit ist kein Sarkasmus oder gemeint, sondern wirklich nur ehrliches Interesse. Man lernt ja nie aus, und Aichi-ken ist fuer seine etwas seeeehr…ehm… andere Kueche bekannt.)

    http://fiveprime.org/hivemind/Tags/bento,%E9%9B%91%E7%A9%80%E7%B1%B3
    Das sind so eher die Typen von Bento, die ich aus diversen Bento-kochbuechern oder aus dem realen Leben kenne, auch wenn diese doch eher zu den aufwaendigeren gehoeren.

    Ich habe eigentlich auch nur sagen wollen, dass mich die Betonung von Obst im Bento eigentlich eher ueberrascht hat. Das es nie verwendet wird, habe ich auch nicht gesagt. Aber mich wuerde ehrlich gesagt nicht ueberraschen, wenn es sich bei Marinas “Obst” um “nur” einen Apfelhasen, (ein Achtel Apfel, bei dem ein Teil der Schal dran ist und so geschnitten ist, dass sie wie unterhaengende Hasenohren aussieht) handeln wuerde. Das Problem ist einfach auch, dass die meisten, von Japanern gegessenen Obstsorten eher bentoungeeignet sind: Bananen (muessen aufgeschnitten werden und werden schwarz, besonders weil sie durch den heissen Reis (daneben bei einstoeckigen Boxen oder darunter bei 2-stoeckigen Boxen) auch noch erwaermt werden), Kaki (ginge vielleicht, wenn sie noch nicht reif sind, wenn ja, dann sind sie wie Gelee), Aepfel (sind hier riesig, aber ein Achtel in Essigwasser getaucht ginge), Nashi (wird immer gekuehlt gegessen und der Reis macht das Gegenteil), Mikan-Orangen (da wird die Schale hart), Wassermelone (ungekuehlt und ueber Stunden Hitze ausgesetzt ist bestimmt nicht das Gelbe vom Ei), Melone (dito, auch wenn das Ergebnis vielleicht nicht ganz so schlimm ist) Pfirsisch (wird unansehnlich und die Hitze tut ihm bestimmt nicht gut). Und sonst vielleicht noch Biwa, aber da hat man diese Schalenpuhlerei. Und ich muesste direkt mal ausprobieren, was passiert, wenn man eine Weintraube 4 bis 5 Stunden auf oder neben heissen Reis legt. Das waere mal ein interessantes Experiment, wenn’s auch ein bisschen “mottainai” ist.

    Ich waere dich wirklich sehr dankbar, wenn du Marina mal fragen wuerdest, was sie denn fuer Obst mitnimmt und ob das wirklich in die Bentobox mit reinkommt oder vielleicht nur als Imbiss fuer zwischendurch mit obendrauf gepackt wird. Dito der Natto.

    Liebe Gruesse, vielen Dank und gute Nacht

    Higanbana

  6. tonari schreibt:

    Ich habe Marina noch einmal befragt:
    Mandarine, Nashi, Kaki, Apfel, manchmal Kirschen, manchmal dunkle Weintrauben, getrennt vom Reis in verschiedenen Fächern der Bentobox.
    Dana hatte in Tokyo auch gelegentlich Obst in der Bentobox. Und ja, ich kenne die Dinger. Zwei davon befinden sich nämlich in meinem Küchenschrank ;-)

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