Eigentlich gibt es keine passenden Worte für das, was in mir vorgeht. Spontane Reaktion meinerseits: Nie wieder ein Gastkind. Das kann frau ja nicht aushalten. So viel Schmerz, so viele geweinte und ungeweinte Tränen. So viel Unglücklichsein auf allen Seiten.
Am Freitag nahmen nun unwiederbringlich die letzten Stunden in Berlin ihren Lauf. Abends hatte Open Door International alle Austauschschüler und – falls mit angereist – auch die Gastfamilien zum gemeinsamen Grillen in eine Kölner Jugendherberge eingeladen, an dem wir aber nicht teilnahmen. Der eigentliche Flug über München nach Tokyo fand erst am Sonnabend statt.
Am Freitagvormittag führte Marinas Weg noch einmal in die Schule, um eine Mathematikklausur mitschreiben zu können. Allgemeines Kopfschütteln, aber sie wollte es unbedingt so und nicht anders. Vielleicht auch eine Art Ersatzbeschäftigung, um nicht zu sehr ins außermathematische Grübeln zu kommen.
Mittags dann eines ihrer Lieblingsessen: Kartoffelbrei mit Ei und roter Beete. Anschließend noch kleine Abschiedsgeschenke. Wir freuten uns sehr über ein wunderbares Fotoalbum, in dem sie das Jahr noch einmal Revue passieren ließ und sich herzlich dafür bedankte. Und sie sprang im Gegenzug beim Aufspannen des Ampelmännchen-Regenschirms gleich drei Mal in die Luft. Zum einen liebt sie den grünen Geher und den roten Steher und zum anderen war vor zwei Wochen der eigene Schirm kaputt gegangen.
Es folgten diverse Ein-, Um- und Auspackversuche, um den Koffer auf die genehmigten 20 kg zu trimmen. Im Ergebnis blieb noch ein ziemlich großes Paket hier und muss demnächst zur Post. (Hey, Cata, dein besser- mit-dem-Abschicken-noch-warten-Tipp war goldrichtig. Am Freitagabend fanden wir die ersten Dinge, die vergessen wurden, am Sonnabend trudelte noch ein Brief ein und heute kam der Anruf, dass die Wise-Guys-CD noch im Player liegt und nur die Hülle mit nach Japan geflogen ist.)
Irgendwann war er nicht mehr herauszuzögern, der Gang zum Auto, der Transfer zum Flughafen. Tränen beim Schulterblick zum Haus, noch mehr beim Öffnen des Kofferraums. Sie fand sich nicht sehr tapfer, ich mich auch nicht und gestand uns beiden zu, weinen zu dürfen. Glücklicherweise gab es auf der Fahrt noch viele nette Worte über unsere gemeinsame Zeit, über japanische Austauschschüler in Deutschland, über Gott und die Austauschwelt. Scherzhaft meinten wir, dass wir in der letzten Stunde noch ein bisschen garstig sein müssen, damit das Verabschieden leichter fällt. Aber Marina entgegnete, dafür sei es nun definitiv zu spät
Am Flughafen-Terminal wartete bereits ihre Japanisch-Klasse samt Lehrerin und zusätzlich noch ein paar Freundinnen. Eine tolle Idee, Unterricht außerhalb des Klassenzimmers zu machen
Und gut so, denn nun verteilte sich die Abschiedsstimmung auf unsere Familie und einen gackernden Haufen junger Mädels nebst einem nichtgackernden Vertreter des männlichen Geschlechts. Es regnete kleinere und größere Abschiedsgeschenke. Ich ahne, sie konnte sich in dem Tohuwabohu überhaupt nicht merken, was von wem kam. Unmengen von Einzel- und Gruppenfotos wurden geschossen, Umarmungen ausgetauscht, die Augen immer feuchter, irgendwann flossen Tränen in Strömen. Mittags noch hatte ich unserer Gasttochter erzählt, dass man in Deutschland scherzhaft sagt, man möge doch ein Laken nehmen, wenn das Taschentuch zum Trocknen der Tränen nicht mehr ausreicht. Und augenzwinkernd entgegnete sie, ein Handtuch sei schon griffbereit im Handgepäck. Und das kam nun auch tatsächlich zum Einsatz. Ich glaube, dem Personal in der Abflughalle war der flennende Menschenauflauf nicht ganz geheuer. Zeitweise standen wir alle den anderen Passagieren echt im Wege und das, obwohl ich schon eigenmächtig einen der Absperrpfosten vor den Check-in-Schaltern bei Seite geräumt hatte. Aber watt mutt, datt mutt. Auch das Töchterlein hatte heute mal die Uni Uni sein lassen und war nach Tegel gekommen, um ihrer Gastschwester „Auf Wiedersehen“ zusagen.
Und irgendwann drängten wir dann zum Aufbruch. Sie musste noch durch die Sicherheitskontrolle und eigentlich war schon Boarding Time. Das Flugzeug nach Köln-Bonn würde vermutlich nicht wirklich warten. Noch ein letztes Mal knuddeln und versuchen zu trösten, aber dabei selbst mit dem verdammten Wasser in den Augen kämpfen. Am schlimmsten war, an der Situation nichts ändern zu können. Austauschjahre sind eben endlich. Ich dachte immer, damit rational umgehen zu können. Tatsächlich aber zog es mir das Herz zusammen. Bedauernde und mitfühlende Blicke fremder Fluggäste machten es auch nicht einfacher. Und dann eine letzte Verabredung, ein Versprechen auf ein Wiedersehen, egal in welchem der beiden Länder. Noch ein paar Mal hat sie sich umgedreht auf dem Weg zur Kontrolle, gewunken, geschluchzt und dann war sie weg.
Nur die Mädels aus der Schule hatten eine gute Position an einer Glasscheibe erwischt und kreischten noch einmal auf als unsere japanische Tochter kurz dahinter auftauchte. Marina Superstar! Ich finde, sie hat eine wunderbar emotionale VIP-Verabschiedung erlebt.
In den kommenden Stunden war ich nicht wirklich in der Lage, über Marinas Abreise zu sprechen. Sobald die Rede darauf kam, versagte meine Stimme und es kullerten die Tränen. Wie sehr man sich doch in so relativ kurzer Zeit an einen vormals fremden Menschen gewöhnen und ihn lieb gewinnen kann. Auch wenn der Kontakt über Internet & Co heutzutage ja relativ einfach zu halten ist, werden wir sie vermissen. Ihr tadaima wird uns fehlen…
Inzwischen wissen wir, dass sie wieder gut bei ihrer Familie angekommen ist. Zum Glück fallen auch die vorher angekündigten 10 Tage Schweinegrippe-Quarantäne im Elternhaus aus. Die Behörden haben es sich inzwischen anders überlegt. Re-entry-Shock wäre schon schlimm genug, da muss nicht noch ein Lagerkoller hinzukommen.